Donnerstag, 19. Oktober 2017

Preisverleihung im Wettbewerb „Aktiv für Demokratie und Toleranz“ 2012 in Oldenburg

 

Sechs Projekte aus Niedersachsen wurden geehrt, auch das "Netzwerk Südheide gegen Rechtsextremismus"


Die erste Preisverleihung des Wettbewerbes "Aktiv für Demokratie und Toleranz" 2012 fand am 25. März 2013 in der Stadt Oldenburg statt: Dort wurden sechs Projekte aus Niedersachsen geehrt. Gemeinsam mit dem Oberbürgermeister der Stadt, Prof. Dr. Gerd Schwandner, zeichneten Uta Leichsenring, Mitglied im Beirat des BfDT, und Cornelia Schmitz, stellvertretende Leiterin der Geschäftsstelle des BfDT, die Preisträger in einer öffentlichen Preisverleihung im Rathaus Oldenburg aus und würdigten ihr Engagement. Die  Atmosphäre war sehr schön, obwohl die Preisträger teilweise etwas nervös waren, weil sie mehrere Interviews geben mussten. Die einzelnen Projekte wurden vorgestellt und das Netzwerk Südheide wurde mit einer eindrucksvollen Rede beschrieben, in der dazu aufgerufen wurde, sich aktiv zu engagieren um die Gesellschaft zu stärken. Diese Aussage fand volle Zustimmung bei allen Gästen und wurde mit einem langen Applaus gewürdigt. Der musikalische Akt untermalte die Stimmung mit drei Liedern.

Die Veranstaltung fand im großen Sitzungssaal des Rathauses (Markt 1, 26105 Oldenburg) am 25. März von 16.00 Uhr bis 17.30 Uhr statt. 344 Vereine und Initiativen haben sich im Jahr 2012 beim Bündnis für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt (BfDT) im Wettbewerb „Aktiv für Demokratie und Toleranz“ beworben. Sie alle hofften auf Preisgelder zwischen 2.000 Euro und 5.000 Euro und auf eine offizielle Ehrung im Jahr 2013.

Nach einem intensiven Auswertungsprozess hat der Beirat des BfDT in seiner November-Sitzung die Preisträger der 12. Ausschreibungsrunde ausgewählt: Insgesamt 67 Preisträger werden im Jahr 2013 in offiziellen Preisverleihungen, die in Kooperation mit Städten und Gemeinden in ganz Deutschland stattfinden, geehrt und ausgezeichnet.

Folgende Projekte wurden ausgezeichnet:

Pimp your Town HannoverHannover
Politik zum Anfassen e. V., Hannover

Afrika Cup Oldenburg: Kultur der Toleranz
Integration e.V., Oldenburg

Arbeitskreis Demokratie und Toleranz
Präventionsrat Stadt Wildeshausen

Netzwerk Südheide gegen Rechtsextremismus

Das Netzwerk Südheide gegen Rechtsextremismus wurde 2009 von verschiedenen Einzelpersonen und Bündnispartnern gegründet. Anlass war die Besetzung des Hotels Gerhus in Fassberg durch Neonazis um den Anwalt J. Rieger. Die Zielsetzung liegt nun bei der Verhinderung der vielen Nazi-Treffen auf dem Hof Nahtz bei Eschede. Dort trifft sich die niedersächsische und norddeutsche Neonazi-Elite, um Aktionen zu planen, Verbindungen zu festigen und "rechte Erlebniswelten" für Jugendliche zu schaffen. Die Demonstrationen des Netzwerks Südheide machen diese Treffen öffentlich und fördern den Widerstand und die Mobilisierung gegen Rechts. Darüber hinaus fördert das Netzwerk die Bildungsarbeit in Schulen und Jugendeinrichtungen zum Thema rechtsextreme Gewalt und stellt dafür eine Ausstellungsinstallation bereit, die über die Opfer von rechter Gewalt aufklären soll. Dieses Projekt wurde mit 2.000,- € ausgezeichnet.

Hannover Spielstadt 2012
Deutsche Jugend In Europa, Kreisverband Hannover Stadt e. V.

Patenschaftsmodell VfB Rot-Weiß 04 Braunschweig
VfB Rot-Weiß 04 Braunschweig e.V.

  • Obiger Wortlaut in Auszügen entnommen aus der Pressemitteilung des „Bündnis für Demokratie und Toleranz - gegen Extremismus und Gewalt (BfDT)"


Anna Jander und Klaus Jordan nahmen für das "Netzwerkes Südheide gegen Rechtsextremismus" den Preis in Oldenburg entgegenen.

Klaus Jordan hält anschließend folgende Ansprache:

Unser Empfinden ist da nicht ganz ungebrochen. 

Wenn eine staatstragende Persönlichkeit lapidar erklärt, dass Dummheit nicht verbiet bar ist, kann ich zwar lapidar erwidern: Leute habt ihr sie noch alle? Das geht doch an jeder Realität vorbei! Denkt mal allein an die über 180 Toten der letzten Jahre. Denkt mal an das Klima von Hass und Gewalt, dass Nazis in ihren sgn. „befreiten“ Gebieten verbreiten. Denkt mal dran, dass Naziideologien immer noch ihre Bewunderer finden, dass ihre Protagonisten an vielen Fronten tätig sind; dass u.a. Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus  oder männliche Gewaltverherrlichung bis weit in die „normale“ Gesellschaft hinein reichen.

Das hat doch nichts mit Dummheit zu tun, die mit ein bisschen besserer Aufklärung hier und ein bisschen besserer Präventionsarbeit da im Griff zu behalten ist.

Das erfordert konsequenteres Nachdenken über Ursachenzusammenhänge, das erfordert konsequentes Handeln staatstragender Organe und das erfordert vor allem ein entschiedenes Auftreten von  Menschen, die nicht mehr bereit sind, diesen Strom von Nazischmutz weiter in unsere Gesellschaft einsickern zu lassen. Und deren Zahl wächst und zeigt bei aller gebotenen Vorsicht auch Wirkung. 

Stellvertretend für all diese Gruppen, Einzelkämpfer/innen,  Initiativen und bunten Schwarmgeister von grün bis Antifa nehmen wir heute diesen Preis entgegen, der in unserem Verständnis eigentlich für etwas völlig Selbstverständliches steht: 

  • Wir sind dafür, dass Stärkere den Schwächeren helfen, anstatt sie totzuschlagen;
  • wir empfinden mit, wenn Menschen in Not geraten, verfolgt oder gedemütigt werden;
  • wir sind für Ausländer, weil sie unseren Horizont erweitern, uns aufmerksamer werden lassen gegenüber Andersdenkenden und Anderslebenden;
  • wir sind für Weltoffenheit, für Erinnerung an unsere Geschichte, für kritische Wissenschaftlichkeit;
  • wir glauben nicht an einfache Lösungen, wir glauben schon gar nicht, dass Hass und Demagogie, Ausgrenzung und Verächtlichmachung den Weg dafür bieten können;
  • wir brauchen keine Sündenböcke, keine stellvertretenden Prügelknaben;
  • wir verehren auch keine Helden, die Kriegsverbrecher, Mörder oder Psychopathen sind;
  • wir verteidigen bürgerliche Freiheiten, weil sie uns stark machen und nicht schwächen und wir misstrauen allen Menschen, die auf Rasseüberlegenheit, biologistische Bewertungen oder nur auf puren Neid und Missgunst setzen,  ob sie nun Sarrazin heißen oder NPD-Funktionär sind.

All das Gesagte sind doch Werte, mit denen die meisten Menschen versuchen, ihr Miteinander so lebenswert wie möglich zu gestalten. Die  können wir uns doch nicht von Hass, Gewalt oder brutalem Herrenmenschengehabe zerstören lassen!

Nazis und ihre Gesinnung sind ein Angriff auf alles Zivilisatorische und Kulturelle, eine Verächtlichmachung von Lebenslust und Lebensfreude. Ein Spaltpilz für Solidarität und gelebte Mitmenschlichkeit.

Die "Mahnwache Gerhus" als Teil unseres Netzwerks ist nicht von ungefähr aus einem ganz konkreten Grund entstanden. Wir wollten kein Nazischulungszentrum bei uns um die Ecke. Wir wollten diese Leute nicht als Nachbarn, nicht in der Schulelternschaft, auch nicht im Sportverein, nicht im Jugendzentrum und nicht auf dem Pausenhof. Wir wollten beim Spazierengehen nicht nach hinten schauen, ob wir verfolgt werden und auch nicht in militaristische „Wehrsportübungen“ geraten. Die Sicherheit unserer befreundeten Roma-Familie stand auf dem Spiel, ebenso unsere eigene. Dorfgemeinschaft und unbehindertes Feiern oder sonst wie unbekümmertes Ausleben unterlag plötzlich „taktischem“ Nachdenken (und unterliegt  es noch)

Wir wollten nicht, dass die „Kameradschaft 73“, Herr J.Rieger oder irgendeine arische Schutzgemeinschaft unser Leben bestimmen. 

Wir wollten aber auch nicht mehr Gemeinde, Kreis, Ordnungshütern oder Staatsschutz überlassen, wie mit solchen Leuten umgegangen werden soll. Wollten nicht mehr Anderen die Handlungshoheit überlassen, wollten selbst unseren aktiven Protest zum Ausdruck bringen. Aus diesem „Selbst-in-die-Hand-Nehmen“ entwickelte sich unser Netzwerk, ein Zusammenschluss ähnlich agierender Gruppierungen. Wir stellen gezielt eine Gegenöffentlichkeit her zu möglichst allen Naziaktivitäten in der Region. Wir sind da vor Ort, wo auch die Nazis auftauchen. Wir  informieren und agieren, zeigen Präsenz und unseren politischen Abscheu. Wir wollen verhindern, dass Nazis und ihr kriminelles Weltbild zur gesellschaftlichen „Normalität“ werden, ihr Auftreten selbstverständlich wird und sie quasi irgendwie „dazugehören“.

Wir wollen - frei nach Ralph Giordano nach der ersten und zweiten Schuld nicht auch noch eine dritte auf uns laden. So sehen wir diesen Preis als Ermutigung und auch als ein bisschen Verpflichtung, weiter zu agieren.

Für uns, aber auch für alle anderen noch Unentschlossenen.
Also: Traut Euch, Wehrt Euch, Engagiert Euch!  Es lohnt sich!