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24.08.2013 13:44 Alter: 5 yrs

Gedenkstein für Peter Deutschmann

Am 10. August 2013 wurde vor der Ev.-luth. Johanniskirche in Eschede ein Gedenkstein für Peter Deutschmann enthüllt.


Peter Deutschmann starb am 10. August 1999 an den Folgen schwerster Verletzungen, die zwei rechtsextreme Jugendliche aus Eschede ihm zugefügt hatten. Vierzehn Jahre später wurde nun ein Gedenkstein für Peter Deutschmann vor der Kirche in Eschede aufgestellt. In einer Gedenkstunde wurde der Stein am 10. August 2913 enthüllt. Einer der Redner war Klaus Jordan.

Liebe Freunde, liebe Mitstreiter!

Gedenken ist eine eher stille Erinnerung an ein Ereignis, doch das Gedenken an Peter Deutschmann ist auch gleichzeitig eine Mahnung.

Gedenken und Mahnen haben beide mit  Mitdenken, vielleicht auch Überdenken, auf jeden Fall aber mit  Nachdenken zu tun..

Das  Nachdenken über eine Tat, die mitten unter uns passiert ist

Das  Nachdenken über einen Menschen,  dessen Leben beendet wurde weil zwei Nazis es für unwürdig hielten.

Aber auch das  Nachdenken über einen Menschen, der am Rande unserer Gesellschaft lebte, gemieden, vielleicht belächelt, vielleicht auch ausgegrenzt wurde , weil er zu schwach war sein Leben selbst zu regeln, weil er mit seinen eigenen ureigenen Dämonen nicht zurechtkam, weil er auf die Hilfe anderer angewiesen war.

Doch PD. ist nicht nur gestorben, weil er ein Opfer war, wie so viele von Nazis  ermordete Menschen.

Er musste sterben, weil er trotz seiner angeblichen Schwäche  immer noch mutig genug war aufzubegehren, mutig genug war  seine beiden Totschläger auf zu fordern , ihr Scheiß-Nazigetöse sein zu lassen.

Wäre er bei der Feuerwehr gewesen, ein dekorierter Schützenbruder oder vielleicht Fußballtrainer, hätten ihn die beiden Jungnazis auch so einfach totgeschlagen?

Wie viel Schuld haben wir als Gesellschaft?

Diese Gesellschaft ist nichts Abstraktes:

das sind wir; die Mitmenschen, die politischen Vertreter, die Kommune, die Autoritäten, die Eltern Erzieher oder die Nachbarn, der Sportverein, die jeweilige Schule.

Es sind wir, die beim Schützenfest mit am Tresen stehen, bei Dorffesten Gemeinschaft pflegen oder sich in Gemeindeangelegenheiten einmischen.

Aber es sind auch wir, die gern mal schwadronieren über Abzocker, Schwächlinge, Missratene, Fremde.

Die den Mund halten, wenn Prahlhänse oder notorische Besserwisser über Unliebsame herziehen.

Die mit Kriegsgeschichten prahlen, mit ihrem Männerego auftrumpfen.

Die ängstlich wegschauen, wenn gepöbelt wird

Und es gibt natürlich auch diejenigen, die aufstacheln, anfeuern, sozusagen die Lunten legen für Explosives.

All das schafft einen Sympathiesumpf, stärkt Tendenzen, lässt Mitgefühl-Mitfühlen abstumpfen oder als schwächlich erscheinen, fördert Gleichgültigkeit, diffusen Unmut und Empathielosigkeit..

Von den Worten zu den Taten ist es dennoch ein großer Schritt. Dazu braucht es einen Verstärker: Vorbilder, Leitpersonen, Autoritäten, Helden.

Die Helden der Nazis finden sich zumeist im Soldatischen:

Mit geradem Rücken, den Blick aufs ferne Ziel gerichtet schreitet der Held voran über Leichenfelder verbrannter Erde. Er weiß, bald wird ihm die ganze Welt gehören. Bis dahin zählen nur Wille, Stärke, Durchhaltvermögen und der unbeirrbare Glaube an  die Ideale einer neuen Zeit

Mutig, entschlossen, edel  –  deutsch.

Vor diesem Wort sollen und werden sie zittern:

die Verschlagenen, Verzagten und Kleingeistigen, die Verkopften, Täuscher Gedankenverdreher, die Geldwechsler und Zinswucherer, die Betrüger und Perversen, die Vergewaltiger und Rasseschänder, die Minderwertigen und Schwächlinge..

Einem Heranwachsenden so etwas in den Kopf zu setzen löst Furchtbares aus.

Hass, Allmachtfantasien, Wahn, Gewalt !

Eben „Taten statt Worte“.

Der Wunsch sich einzureihen in eine Ahnengalerie, die von Steiner bis Tschepe, von Schlageter bis Rudolf Hess, vom schneidigen Panzerkommandanten bis zum kaltschnäutzigen Jagdflieger reicht, besorgt dann den Rest.

Mit dem Springerstiefel wird dann die Volksgemeinschaft bereinigt. Der kommende Held führt das aus, was andere heimlich denken. Nazis als Vollstrecker des Volkswillens, so sehen sie sich gern, so legitimieren sie ihr Auftreten, so feiern sie jeden Auftritt als Erfolg, so versuchen sie sich fest zu krallen in dem Alltag unserer Gesellschaft.

Die Mischung war und ist explosiv.

Heranwachsende mit Killerpotential zu züchten ist Programm aller Naziorganisationen.

Und damit sind wir auch dicht beim Hof Nahtz und den dortigen Aktivitäten. Hier wurden und werden solche Charaktere aufgezogen, ehemals bei der Wiking Jugend und ihren Nachfolgeorganisationen, heute auf Konzerten oder Brauchtumsfeiern.

Dieser Stein soll daran erinnern, dass wir damals bei Peter Deutschmann nicht genügend  Interesse gezeigt, nicht ausreichend hingeschaut haben, was sich da in unserer Gemeinde entwickelt und  zu wenig unternommen haben, um solchen Hassausbrüchen entgegen zu wirken.

Auch  Ahnungslosigkeit und mitmenschliches Desinteresse können ein Nährboden für Naziparolen und den Erfolg ihrer Hasstiraden bilden.

Wir wissen heute mehr denn je:                                                   

Wegschauen kann tödlich enden, Ignorieren hat fatale Folgen, Verharmlosung dient  den Wahrheitsverdrehern und Gedankenwäschern.

Das bedauern wir zutiefst und wollen mit unserer Mahnung  uns und alle anderen daran erinnern, stärker auf unseren Mitbürger und Nachbarn zu achten, unabhängig von Hautfarbe,  sozialem Status oder sonstigen Vorlieben;

uns ein zu mischen, wenn wir glauben, dass in unserem Gemeinwesen etwas aus dem Ruder läuft.

Unsere Haltung/Standing/Vorbildhaftigkeit gegenüber Heranwachsenden ist von großer Wichtigkeit;

Wir können zeigen, dass wir über genügend Mitgefühl gegenüber Schwächeren verfügen, solidarisch sind, mit denen, die um ihre Existenz kämpfen müssen, Hilfe denen zukommen lassen, die viel viel weniger haben als wir.

Wenn dieses Bewusstsein als Konsequenz sozusagen in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, dann kann auch dieser Stein vom Rand ins Zentrum unserer Gemeinde gerückt werden, wo er eigentlich hingehört.

Erinnern  wir uns solange an dieser Stelle an einen Menschen, dessen Tod uns hat aufschrecken lassen und dessen Todesumstände uns als Aufforderung dienen soll, den Anfängen zu wehren ! 

Selbstbewusst, engagiert, ganz einfach menschlich !

Danke fürs Zuhören, danke fürs Kommen.

Klaus Jordan