Montag, 17. Dezember 2018

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02.10.2013 00:20 Alter: 5 yrs

Immer sofort reagieren, nicht wegschauen, keine Angst haben und alles öffentlich machen.

Ein Portrait des Netzwerks Südheide gegen Rechtsextremismus


Im Jahr 2009 hat sich im niedersächsischen Landkreis Celle das „Netzwerk Südheide gegen Rechtsextremismus“ gebildet. Vereint sind in diesem Netzwerk vier lokale Arbeitsgruppen. Unterstützt wird dieses Bündnis durch den „Deutschen Gewerkschaftsbund Nord-Ost-Niedersachsen“, den Evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Celle sowie die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannover. Seine Mitglieder kommen von der SPD, den Bündnisgrünen oder sind parteilos. Förderer/-innen und Freunde/-innen gewinnen die Mitglieder, indem sie den Blick der Öffentlichkeit auf rechtsextremistische Aktivitäten lenken, vor Ort demonstrieren oder Auftritte von Nazigruppen „stören“. Aufrufe oder Bekanntmachungen erfolgen über eine eigene Website oder einen eigens angelegten Telefon- und E-Mailverteiler.

Einen Verein haben die Mitglieder im Netzwerk Südheide bewusst nicht gegründet. Stattdessen bauen sie auf eine möglichst eigenverantwortliche und dezentrale Arbeitsweise. Trotzdem haben die 10 bis 15 aktiven Mitglieder insgesamt 400 bis 500 passive Unterstützer/-innen um sich versammelt. Wie und warum sie das Netzwerk pflegen? „Wir wollen auf jedes Auftreten von Neonazis sofort und spontan reagieren können. So ist unser Netzwerk entstanden und so ist es auch organisiert“, sagt Klaus Jordan, eines der aktiven Mitglieder: „Nazis werden da stark, wo man sie in Ruhe lässt: Das heißt, eine Gegenöffentlichkeit sollte immer sofort reagieren, nicht wegschauen, keine Angst haben.“ Das gilt auch für ihre Unterstützer/-innen, denn „überall gibt es mutige Menschen, die ihre Sympathien durch aktive Teilnahme oder auch durch Spenden zum Ausdruck bringen.“ In diesem Zusammenhang steht auch die Würdigung als „vorbildliches“ Projekt durch das „Bündnis für Demokratie und Toleranz“ (s. „Wettbewerbe“ in dieser Ausgabe, Anm. d. R.) mit einem Förderbetrag von 2.000 Euro.

Weswegen das Netzwerk Südheide Erfolg hat bei der Suche nach Förderern? „Wegen unserem schnellen Auftreten, unserer Präsenz, unserer Beharrlichkeit und unserem Eigensinn“, sagt Jordan. „Alle Steine, die uns in den Weg gelegt werden, stärken unser Engagement im Netzwerk Südheide“, ob beim Protest gegen die jährlichen Brauchtumsfeiern der Nazis in Eschede oder einem klaren „Nein“ bei antisemitischen, rassistischen oder sonstig menschenverachtenden Äußerungen im Alltag.

Gemeinsam mit Jordan ist auch die Künstlerin Anna Jander seit 2009 im Netzwerk aktiv. Als nach dem erfolgreichen Protest gegen die Besetzung des Hotel Gerhus durch Neonazis um den Anwalt Jürgen Rieger weitere Aktivitäten gegen Nazis in der Region notwendig wurden, haben sie das Netzwerk Südheide mitbegründet.

Nicht ohne Folgen, wie Frau Jander erklärt: „Nach Riegers Tod haben die Nazis – mit meiner Namens- und Adressangabe – auf ihrer Internetseite dazu aufgerufen, hier persönlich vorbei zu kommen und mir quasi einen Besuch abzustatten. Es wurde ein Stein ans Fenster geworfen mit der Nachricht: 'Jander, das war die letzte Warnung.‘“ Am 15. Dezember 2011 warfen Unbekannte sogar Flaschen mit Brandbeschleuniger auf ihr Haus und das von Wilfried Manneke, ebenfalls aktives Mitglied im Netzwerk Südheide und Pastor der Friedenskirche Unterlüß: „Beim Pastor ist die Flasche auf Stein getroffen, zerbrochen und hat großflächige Brandspuren hinterlassen. Bei uns ist sie am Efeu abgeprallt und auf dem Rasen verbrannt. Unser Engagement setzen wir aber trotzdem fort. Viele Leute erkennen gerade diese Beharrlichkeit an und wir treffen auf zunehmende Unterstützung.“

Diese Unterstützung ermögliche viele nachhaltige Projekte, bekräftigt auch Karl-Heinz Hufenbach, Mitglied im SPD-Ortsverein Unterlüß, im dortigen Gemeinderat und im Netzwerk Südheide gegen Rechtsextremismus: „Eine Demo ist dank unserer Telefonkette natürlich schnell organisiert. Wo wir aber die Jugend einbinden wollen, indem wir beispielsweise ein Rockkonzert auf die Beine stellen, arbeiten wir viel mit dem DGB, Parteien und der Kirche zusammen.“

Die Anfeindungen und Anschläge waren für das Gewinnen von Mitstreitern/-innen im Bündnis sogar eine Art Initialzündung, erklärt Jordan: „Das war ein wirklicher Bewusstwerdungsprozess. In Folge der Anschläge erhielten wir seitens der Kirche enorme Unterstützung, der Unterlüßer Gemeinderat hat am nächsten Tag sofort mit einem gemeinsamen Beschluss zur Aktivität aufgerufen und auch viele Privatleute zeigten in der Folge Solidarität. Auch die Gemeinde Faßberg hat die Erklärung aus Unterlüß mit unterschrieben.“

Sein Tipp für alle, die aktiv sein wollen: „Mit ein bisschen Mut vorangehen, die anderen mitreißen und öffentlich Flagge zeigen!“

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung (14.8.2013)