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27.03.2013 20:39 Alter: 6 yrs
Kategorie: Aktuelle Nachrichten

Aktiv für Demokratie und Toleranz 2012

Ansprache von Klaus Jordan anlässlich der Preisverleihung 2012 in Oldenburg


Das "Netzwerk Südheide gegen Rechtsextremismus" erhielt 2012 den Preis "Aktiv für Demokratie und Toleranz".

Unser Empfinden ist da nicht ganz ungebrochen

Wenn eine staatstragende Persönlichkeit lapidar erklärt, dass Dummheit nicht verbietbar ist, kann ich zwar lapidar erwidern: Leute habt ihr sie noch alle? Das geht doch an jeder Realität vorbei! Denkt mal allein an die über 180 Toten der letzten Jahre. Denkt mal an das Klima von Hass und Gewalt, dass Nazis in ihren sgn. „befreiten“ Gebieten verbreiten. Denkt mal dran, dass Naziideologien immer noch ihre Bewunderer finden, dass ihre Protagonisten an vielen Fronten tätig sind; dass u.a. Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus  oder männliche Gewaltverherrlichung bis weit in die „normale“ Gesellschaft hinein reichen.

Das hat doch nichts mit Dummheit zu tun, die mit ein bisschen besserer Aufklärung hier und ein bisschen besserer Präventionsarbeit da im Griff zu behalten ist.

Das erfordert konsequenteres Nachdenken über Ursachenzusammenhänge, das erfordert konsequentes Handeln staatstragender Organe und das erfordert vor allem ein entschiedenes Auftreten von  Menschen, die nicht mehr bereit sind, diesen Strom von Nazischmutz weiter in unsere Gesellschaft einsickern zu lassen. Und deren Zahl wächst und zeigt bei aller gebotenen Vorsicht auch Wirkung. 

Stellvertretend für all diese Gruppen, Einzelkämpfer/innen,  Initiativen und bunten Schwarmgeister von grün bis Antifa nehmen wir heute diesen Preis entgegen, der in unserem Verständnis eigentlich für etwas völlig Selbstverständliches steht: 

  • Wir sind dafür, dass Stärkere den Schwächeren helfen, anstatt sie totzuschlagen;
  • wir empfinden mit, wenn Menschen in Not geraten, verfolgt oder gedemütigt werden;
  • wir sind für Ausländer, weil sie unseren Horizont erweitern, uns aufmerksamer werden lassen gegenüber Andersdenkenden und Anderslebenden;
  • wir sind für Weltoffenheit, für Erinnerung an unsere Geschichte, für kritische Wissenschaftlichkeit;
  • wir glauben nicht an einfache Lösungen, wir glauben schon gar nicht, dass Hass und Demagogie, Ausgrenzung und Verächtlichmachung den Weg dafür bieten können;
  • wir brauchen keine Sündenböcke, keine stellvertretenden Prügelknaben;
  • wir verehren auch keine Helden, die Kriegsverbrecher, Mörder oder Psychopathen sind;
  • wir verteidigen bürgerliche Freiheiten, weil sie uns stark machen und nicht schwächen und wir misstrauen allen Menschen, die auf Rasseüberlegenheit, biologistische Bewertungen oder nur auf puren Neid und Missgunst setzen,  ob sie nun Sarrazin heißen oder NPD-Funktionär sind.

All das Gesagte sind doch Werte, mit denen die meisten Menschen versuchen, ihr Miteinander so lebenswert wie möglich zu gestalten. Die  können wir uns doch nicht von Hass, Gewalt oder brutalem Herrenmenschengehabe zerstören lassen!

Nazis und ihre Gesinnung sind ein Angriff auf alles Zivilisatorische und Kulturelle, eine Verächtlichmachung von Lebenslust und Lebensfreude. Ein Spaltpilz für Solidarität und gelebte Mitmenschlichkeit.

Die "Mahnwache Gerhus" als Teil unseres Netzwerks ist nicht von ungefähr aus einem ganz konkreten Grund entstanden. Wir wollten kein Nazischulungszentrum bei uns um die Ecke. Wir wollten diese Leute nicht als Nachbarn, nicht in der Schulelternschaft, auch nicht im Sportverein, nicht im Jugendzentrum und nicht auf dem Pausenhof. Wir wollten beim Spazierengehen nicht nach hinten schauen, ob wir verfolgt werden und auch nicht in militaristische „Wehrsportübungen“ geraten. Die Sicherheit unserer befreundeten Roma-Familie stand auf dem Spiel, ebenso unsere eigene. Dorfgemeinschaft und unbehindertes Feiern oder sonst wie unbekümmertes Ausleben unterlag plötzlich „taktischem“ Nachdenken (und unterliegt  es noch)

Wir wollten nicht, dass die „Kameradschaft 73“, Herr J.Rieger oder irgendeine arische Schutzgemeinschaft unser Leben bestimmen. 

Wir wollten aber auch nicht mehr Gemeinde, Kreis, Ordnungshütern oder Staatsschutz überlassen, wie mit solchen Leuten umgegangen werden soll. Wollten nicht mehr Anderen die Handlungshoheit überlassen, wollten selbst unseren aktiven Protest zum Ausdruck bringen. Aus diesem „Selbst-in-die-Hand-Nehmen“ entwickelte sich unser Netzwerk, ein Zusammenschluss ähnlich agierender Gruppierungen. Wir stellen gezielt eine Gegenöffentlichkeit her zu möglichst allen Naziaktivitäten in der Region. Wir sind da vor Ort, wo auch die Nazis auftauchen. Wir  informieren und agieren, zeigen Präsenz und unseren politischen Abscheu. Wir wollen verhindern, dass Nazis und ihr kriminelles Weltbild zur gesellschaftlichen „Normalität“ werden, ihr Auftreten selbstverständlich wird und sie quasi irgendwie „dazugehören“.

Wir wollen - frei nach Ralph Giordano nach der ersten und zweiten Schuld nicht auch noch eine dritte auf uns laden. So sehen wir diesen Preis als Ermutigung und auch als ein bisschen Verpflichtung, weiter zu agieren.

Für uns, aber auch für alle anderen noch Unentschlossenen.
Also: Traut Euch, Wehrt Euch, Engagiert Euch!  Es lohnt sich.